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Orthorexie – Verhalten, Diagnose und Behandlung

Zwanghafte Fixierung auf gesunde Ernährung

Autor: Blog-Redaktion, 11. August 2022

Orthorexie beschreibt ein zwanghaftes Ernährungsverhalten, bei dem Betroffene sich auf vermeintlich gesunde Lebensmittel fixieren. Orthorektiker definieren oftmals selbst, was sie als gesund erachten und befolgen strikte eigene Ernährungsregeln, die das gesamte Denken und Handeln bestimmen können. Die Folgen nehmen vielseitige Formen an und reichen von Mangelernährung bis zu sozialer Isolation.

Definition und Überblick: Orthorexie im Allgemeinen

Der Begriff Orthorexie stammt aus dem Griechischen. Er setzt sich zusammen aus den Bestandteilen "orthos" (richtig) und "orexis" (Appetit). Orthorexie ist auf die Arbeiten des Arztes Steven Bratman zurückzuführen. Der Mediziner neigte selbst zu orthorektischem Ernährungsverhalten und beschrieb das Phänomen im Jahr 1997.

Kennzeichnend ist, dass Orthorektiker sich streng an bestimmte Ernährungsvorschriften halten und im Verlaufe der Zeit immer mehr Lebensmittel von ihrem Speiseplan entfernen. Oft handelt es sich um eigene Auslegungen dessen, was Betroffene selbst für gesund halten. 

Die tatsächliche Ernährung fällt dabei oft alles andere als gesund aus, da aufgrund des häufigen Verzichts wichtige Makro- und Mikronährstoffe fehlen. Häufig tendieren Betroffene zu einer einseitigen Ernährung. Sie sind der Überzeugung, durch bestimmte Lebensmittel krank zu werden.

Orthorexie als Essstörung

Eine offizielle Einordnung der Orthorexia nervosa als Essstörung liegt bisher nicht vor. In der ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten) oder in der DSM-5 (das Klassifikationsschema für Krankheiten der USA) ist die Orthorexie nicht gelistet. Demnach gibt es keine Einordnung als eigenständige Erkrankung oder Essstörung.

In der Medizin ist der Status der Orthorexie als autarke Krankheit Gegenstand einiger Debatten und wird weiterhin diskutiert. Parallelen gibt es zwischen der Orthorexie und einer Zwangsstörung. Bei einer solchen Störung denken oder tun Betroffene zwanghaft immer dasselbe. Wird versucht dies zu unterdrücken oder nicht ausgeführt, kann das zu großen inneren Anspannungen und Ängsten führen.  

Eine wichtige Frage lautet hierbei, ab wann es als zwanghaft gelten kann, wenn Menschen sich genauer mit der eigenen Ernährung befassen. Während eine gesunde Ernährung zu einem gesunden Lebensstil gehört, bewirkt eine übermäßige Auseinandersetzung mit dem Thema oft das Gegenteil.

Erkennungsbild: Symptome und Verhalten bei Orthorexie

In der Praxis macht sich Orthorexie auf vielfältige Weise bemerkbar, doch lassen sich bestimmte Gemeinsamkeiten Betroffener erkennen. Sehr häufig tritt unter Orthorektikern das Entwickeln eigener Ernährungsregeln, an denen sie strikt festhalten, auf. Gelingt Betroffenen die Einhaltung nicht, so entwickeln sie Schuldgefühle. Im Verlauf der Zeit werden Orthorektiker tendenziell strenger mit sich selbst. Die Auswahl der Speisen wird immer weniger flexibel und einseitiger. Auch auf Lebensmittel, die sie früher genossen haben, verzichten sie.

Das Essen erfolgt nicht als sozialer Akt oder des Genusses wegen, sondern ausschließlich im Sinne der vermeintlich korrekten Nahrungsaufnahme. Dies macht sich auch in sozialen Interaktionen bemerkbar, da beispielsweise Einladungen zum Essen ausgeschlagen werden. Es kommt zu Befürchtungen, dass die Speisen vor Ort nicht den eigenen Überzeugungen entsprechen.

Außerdem ist es meist so, dass sich Betroffene weigern das eigene Essverhalten als zwanghaft anzuerkennen. Im Gegenteil, einige Betroffene halten ihr Essverhalten als moralisch überlegen. Manche tendieren dazu, Freunden und Verwandten die vermeintlich korrekte Ernährung nahe zu bringen.

Ernährungspläne bei Orthorektikern

Die Ausgestaltung der Ernährungspläne kann sich deutlich zwischen verschiedenen Orthorektikern unterscheiden. Einige verzichten auf konkrete Lebensmittel, andere streichen vollständige Lebensmittelgruppen, wieder andere fokussieren sich auf bestimmte Lebensmittelkategorien (beispielsweise Rohkost). 

Die fortschreitende Reduktion der Lebensmittel, die sich Orthorektiker einräumen, birgt das Risiko von Mangelerscheinungen, da ein Defizit an wichtigen Makro- oder Mikronährstoffen entsteht.

Nicht nur die Auswahl, sondern auch die Zubereitungsart spielt in der Orthorexie eine wichtige Rolle. So bestehen einige Orthorektiker darauf, Speisen nur zu dünsten, während andere sich ganz auf Rohkost fokussieren.

Ebenso spielt im Ernährungsplan einiger Betroffener die zeitliche Abfolge eine wichtige Rolle. Bestimmte Nahrungsmittel wollen sie ausschließlich zu bestimmten Uhrzeiten zu sich nehmen. 

Zu den häufig aus den Ernährungsplänen gestrichenen Produkten oder Nahrungsmittelgruppen gehören zuckerhaltige Lebensmittel, Fleisch, Milchprodukte, Weizenprodukte und Fertigprodukte.

Mögliche Ursachen der Orthorexie

Die Ursachen dieses Ernährungsverhaltens sind meist psychisch bedingt und weisen auf tiefer liegende Probleme hin. Die Gründe hierfür können so vielseitig sein wie die Betroffenen.

Eine weitere wichtige Ursache sind die heute vermittelten Schönheits- und Körperideale. Besonders junge Menschen können dazu neigen, sich an Darstellungen in den sozialen Medien zu orientieren. Dies begünstigt die Entstehung eines problematischen bis gestörten Essverhaltens.

Unter Experten gibt es die Vermutung, dass bestimmte bereits vorhandene Persönlichkeitsmerkmale wie der Perfektionismus zu der Entstehung einer Orthorexie mitwirken kann.

Verlauf und Folgen der Orthorexie

Folgen der Orthorexie können körperlicher, psychischer sowie sozialer Natur sein. Durch die Fokussierung auf bestimmte Lebensmittel oder den Verzicht auf wichtige Nährstoffe können Mangelerscheinungen entstehen. Einige Speisen, die Orthorektiker ablehnen, sind wichtige Quellen bestimmter Makro- und Mikronährstoffe. Auch Vitamine und Mineralien können fehlen. 

Betroffene können stark an Gewicht verlieren oder auf sonstige Weise mangelernährt sein. Ernst zu nehmende Warnsignale der Mangelernährung äußern sich in Müdigkeit, Schlafproblemen, Konzentrationsstörungen und Hautproblemen. Im weiteren Verlauf können ein niedriger Blutdruck sowie ein auffallend verlangsamter Puls als Folgen hinzukommen.

Neben den direkten medizinischen Folgen zeigt sich häufig eine Einschränkung der sozialen Kontakte sowie der allgemeinen Lebensqualität. Strenge Ernährungs-Reglements führen dazu, dass beispielsweise Restaurantbesuche oder Treffen mit Freunden und Familien immer seltener oder im Extremfall unmöglich werden.

Diagnose und Behandlung der Orthorexie

Ein allgemein anerkanntes Diagnoseverfahren für Orthorexie liegt nicht vor, da das Phänomen keine anerkannte Krankheit ist und somit in keinem Klassifikationsschema zu finden ist. Der Entdecker der Orthorexie, Steven Bratman, schlug eine Reihe von Erkennungsmerkmalen vor und entwickelte einen Fragebogen, der Rückschluss auf eine Orthorexia nervosa geben soll. Eine der Fragen lautet beispielsweise, ob Betroffene mehr als drei Stunden täglich über ihre Ernährung nachdenken. Eine andere stellt die Frage, ob sich Betroffene aufgrund ihrer Ernährung sozial isoliert fühlen.

Auch über Therapieformen oder Leitlinien zum Umgang mit Orthorexie gibt es keinen Konsens. Doch finden Betroffene in den meisten Fällen Hilfe, wenn sie sich für Beratung durch Experten oder Gesprächstherapie bei einem Psychotherapeuten entscheiden. Eine wesentliche Voraussetzung ist die Einsicht der Betroffenen, dass ihr Verhalten ihnen schadet.

Dies ist oft ein langwieriger Prozess, da Betroffene erst dann ärztliche Hilfe oder Beratung suchen, wenn sich ihr Essverhalten bereits in Mangelernährung Erscheinungen bemerkbar macht.

In einer guten Beratung oder Gesprächstherapie lernen Menschen, die dem Essverhalten zugrunde liegenden Probleme zu verarbeiten.

Fazit

Orthorexia nervosa kann für Betroffene zum ernsthaften medizinischen und sozialen Problem führen. Die vielfältigen Ursachen der Orthorexie stehen oft mit psychischen Problemen im Zusammenhang. Bei der Behandlung sind daher Beratung und Gesprächstherapie wichtige Ansätze. Unterstützung finden Sie bei uns online, persönlich oder telefonisch. Gerne begleiten wir Sie auf sämtlichen Schritten. Sie können uns jederzeit kontaktieren!

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