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Ah! Stress im Kopf!

Autor: Sophie S., 16. März 2021

Vertigo illness with dizziness in woman patient with spinning movement inside head, benign paroxysmal positional vertigo (BPPV), migraine, heachache,

14 Uhr: Überraschungsbesuch der Familie.

Sophie fällt aus dem Bett, weil es an der Tür klingelt. Es ist die Familie, die spazieren gehen will, weil draußen schönes Wetter ist. #VitaminDTanken

Sophie´s Mama sagt: “Wir haben dich mehrmals angerufen, aber du bist nicht rangegangen, also sind wir gekommen und jetzt zieh dich an, wir wollen alle gemeinsam spazieren gehen in der Stadt im Englischen Garten. Die Sonne strahlt so schön.” Sie macht alle Jalousien hoch in der Wohnung. Stimme aus dem OFF: Sophie mag das gar nicht. Die Jalousien sollten unten bleiben. #VampirStyle Zudem ist ihr Handy extra auf lautlos, weil Sie ungestört schlafen will...

Sophie lächelt halbherzig ihre Mutter an. Sie will eigentlich nicht raus gehen. Es ist zu hell draußen und zu viele Menschen und sie hat nichts zum Anziehen und geschminkt ist sie auch nicht und die Haare sind auch nicht gemacht...Ah! Panik, Stress im Kopf! Skillz wo seid ihr? Sie will aber auch nicht ihre Familie enttäuschen, die extra zu ihr gefahren ist, um mit ihr Zeit zu verbringen. Ihre Brüder sind auch da. Alle sind gekommen, weil sie mit ihr spazieren gehen wollen. Weil sie Sophie lieben und die Zeit mit ihr genießen. Ah! Zuviel Gefühl! Stress im Kopf!

Sophie hat keine Zeit und auch keine Lust sich jetzt mit all diesen Gefühlen auseinanderzusetzen. Sie putzt sich schnell die Zähne, zieht weite Klamotten an, weil fett. Aufm Kopf eine Mütze, weil Haare nicht gemacht und die Mund-Nasen-Schutzmaske nicht vergessen, die verdeckt nämlich das halbe Gesicht, weil nicht geschminkt. Ach! und ne Sonnenbrille auf, damit die Menschen sie nicht sehen. Es wird noch eine Jacke und ein Schal übergeworfen und schon befindet sie sich mit der Family im Auto auf dem Weg zum Englischen Garten. Vielleicht hat sie sich für das tolle Wetter zu warm angezogen? Aber sie fühlt sich so wohler. Zumindest irgendwie sicherer.

So ein Mist! Gefrühstückt hat Sie auch nicht...

Erzählerstimme aus dem OFF: Sophie hat ein mulmiges Gefühl bei dem Ganzen. Sie fühlt sich nicht schön genug, um heute rauszugehen. Außerdem hat sie Hunger, aber sie will eigentlich auch nichts essen, weil sie eh schon zu fett ist. Sagt zumindest der innere Kritiker. Mal wieder, sehr laut.

15 Uhr: Im Park angekommen versucht Sophie, die Zeit mit ihrer Familie zu genießen. Es gelingt ihr mäßig. Immer wieder fällt sie zurück in ihre Gedankenwelt. Sie sieht all die Menschen draußen, fröhlich, lachend und fit. Die Sonne strahlt und ein leichter Wind weht. Es ist an sich ein ganz schöner Tag.

Leider kann Sophie es nicht in vollen Zügen genießen...weil sie sich denkt, nicht hübsch genug zu sein, nicht fit genug, nicht gut genug, einfach nicht genug zu sein. Und es ist, so als ob sie alles so gedämpft wahrnimmt, so als wäre sie nicht voll da. Also so richtig. So selbstbewusst und stark und dünn... Das macht sie traurig. Warum kann sie nicht einfach den schönen Tag zusammen mit ihrer Familie genießen und dankbar sein, gesund und am Leben zu sein?! Stattdessen möchte sie sich verstecken, am besten in ihrer Wohnung mit Jalousien unten und mit Schokolade, Eis und Keksen, Serien schauen, am PC zocken und chillen, in ihrer weiten Jogginghose. Das war der eigentliche Plan für heute. Das ist der Plan für jeden Tag.

Erzählerstimme aus dem OFF: Niemand merkt, dass es Sophie nicht gut geht, bzw. dass sie gerade mit ihren Ängsten und Gedanken kämpft. Sie hat gelernt, es gut zu verbergen, zu überspielen mit Witzen. Und sie möchte ungern den Family-Moment zerstören mit ihren Komplexen.

17 Uhr: Die Family ist bei Sophie zu Hause und es wird gekocht und zu Abend gegessen. (Für Sophie ist es das Frühstück) Es gibt Pasta mit Tomatensoße und dazu Salat und als Nachtisch Schokopudding. Sophie hat zusammen mit ihrer Mama gekocht. Sie möchte aber eigentlich gar nicht essen. Sie hat draußen all die hübschen Menschen gesehen und sie wünscht sich auch fit und frei von Gedanken draußen zu sein. Und das kann sie nicht erreichen, wenn Sie sich jetzt Nudeln reinpfeift und Schokopudding… Ah! Stress im Kopf! Sie ist genervt und sie hat Hunger und sie will sich jetzt mit den Gedanken auch nicht auseinandersetzen.

Sie isst einen Teller Nudeln und den Schokopudding. Sie fühlt sich danach gut und schlecht. Gut, weil sie was im Magen hat und schlecht, weil sie eigentlich zwei Teller Nudeln essen wollte. Sie hat sich aber nicht getraut, einen zweiten Teller zu nehmen. Alle anderen haben nämlich auch nur einen Teller gegessen und sie wollte nicht gefräßig rüberkommen.

Jajajaja, sie weiß, ihre Betreuerin würde jetzt sagen: “Frau XY...., aber die Anderen haben auch den Tag über was gegessen und Sie nicht. Das ist normal, dass Sie so großen Hunger haben.”

Und eigentlich weiß Sophie, dass das ja auch stimmt, aber der innere Kritiker ist so laut und sagt: “Ja genau, du hässliche, fette Sau, friss noch einen zweiten Teller Nudeln, als ob der erste schon nicht schlimm genug wäre. Du wirst sowieso nie dünn sein, also friss!”

19 Uhr: Die Familie ist weg. Sophie ist allein in ihrer Wohnung. Erstmal die Jogginghose wieder anziehen. Ihr zweiter Impuls ist: Essen!

Jetzt ist sie frei. Niemand ist da. Niemand beobachtet sie. Jalousien sind wieder unten. Sie kann sich jetzt entspannen. Im Grunde ist sie froh, dass die Familie heute kam und sie spazieren gegangen sind. Das “Rauskommen” tat ihr gut- auch wenn es mit Stress im Kopf verbunden war. Gerne hätte sie den Moment im Park mehr genießen wollen…

Und jetzt steht noch die Frage im Raum: “Einen zweiten Teller Nudeln sich noch gönnen oder lieber nicht? Ah! Stress im Kopf!

 

Dieser Beitrag wurde von Sophie S. verfasst. Leiden Sie oder kennen Sie jemanden, der an einer Binge-Eating-Essstörung leidet? Unsere Beratungsstelle im Therapienetz Essstörung ist ein kostenfreies unverbindliches – und bei Bedarf anonymes – Angebot, bei dem Sie Unterstützung von unseren BeraterInnen finden. Erfahren Sie mehr über unser Beratungsangebot hier.

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